Bahngespräche oder: Wie man mit Nazis umgeht

Vor einigen Tagen bin ich von Frankfurt (Oder) nach Berlin zurückgefahren und hab im Regio mein aktuelles Lieblingsbuch von Heinrich Hannover gelesen. Auf dem Cover ist eine Szene aus den Unruhen der 68er Jahre zu sehen und darauf sprach mich der Herr gegenüber an. Ich hatte schon gleich am Anfang so ein seltsames Gefühl, als er mir als “Zeitzeuge” erzählen wollte, was denn da wirklich mit den 68ern los war. “Uns haben sie alle belogen!” – das war sein Startsatz. Bis dahin war auch noch alles in Ordnung.

Dann aber begann er damit, mir erklären zu wollen, dass hinter allem die Juden stecken würden – es war also schon im zweiten Satz klar, wessen Geistes Kind er war. Er fragte mich, ob ich die Frankfurter Schule kennen würde, zu der er Fischer und Cohn-Bendit zählte, die für ihn auch Juden waren. Meine Einwände, dass die Frankfurter Schule eine philosophische, nicht eine politische Strömung wäre und durchaus jüdische Wurzeln hätte, aber in v.a. Adorno quittierte er mit: “Ja genau, und den haben uns die Amis ins Land gefahren”. Kunststück, der arme Mann musste ja auch vorher vor dem Nationalsozialismus dorthin fliehen. Im Übrigen zählte er auch Fischer (der katholischer Ministrant war) und Cohn-Bendit (der tatsächlich jüdische Eltern hat, was aber auch bei einer Studentenbewegung nicht schwer ist, weil jüdische Familien tendenziell einen höheren Bildungshintergrund hatten) zu den “Juden”.

Die politische Agitation des Typen war klar: er wollte, stümperhaft, die Philosophen der Frankfurter Schule als Hintermänner der 68er darstellen – die dann dem “Weltjudentum” in die Hände spielen würden. Auch die vermeintlichen Widersprüche zwischen den “Amis”, die ja die Juden ins Land gekarrt hätten und die darauf folgende sozialistische Bewegung ließen sich so erklären: die Juden hätten halt die Welt in die Zange genommen, Finanzkapitalismus und Sozialismus führen dann zu … ja was eigentlich? Auf jeden Fall zu einem Werk: “Mein Kampf”. Ganz genau, Hitler hatte schon diese abstrusen Ideen. Mehr ist dann dazu auch nicht zu sagen.

Man kann sich vorstellen, dass mir der Hals bis hier ging: Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass er sich mit seinen Aussagen tendenziell strafbar macht, in jedem Fall aber im Umfeld Horst Mahler & Co zu finden sei, was für mich Grund genug wäre, ihn in einem Akt antifaschistischer Selbsthilfe im nächsten Bahnhof aus dem Zug zu schmeißen. Er fand das ungeheuerlich, empfahl mir, etwas von Horst Mahler zu lesen (Nein, danke!) und im übrigen gelte die Meinungsfreiheit. Inzwischen hatten auch andere Studenten in der Umgebung sich für das Gespräch interessiert und gaben mir nun ordentlichen Rückenwind, dass seine Meinungsfreiheit auch Grenzen hätte und zwar dort, wo Rechtsgüter von anderen Menschen oder Personengruppen berührt waren. Durch die Masse an spöttischen Kommentaren und Argumenten zu seinem Stuss begann der Mensch alsbald zu schweigen.

Ich fands toll, dass man sieht, dass man desöfteren auch mal mit Argumenten und auf hohem Niveau gegen solche Nazis vorgehen kann und auch mal kleine Siege erringen. Und es war schön zu spüren, dass ich mal nicht der Einzige bin, der seinen Mund aufmacht.


Trackback URL

2 Comments on "Bahngespräche oder: Wie man mit Nazis umgeht"

  1. Anonymous
    26/10/2009 at 21:23 Permalink

    Gut gemacht. Diese intellektuelle Hetze isr mE schlimmer als die Nazischergen, die ohne diesen Imput nicht wüssten, ob sie links oder rechts gehen sollen.

    Übrigens fand ich dieses "Argument auf hohem Niveau" am besten: "Ich habe ihn darauf hingewiesen [...] was für mich Grund genug wäre, ihn in einem Akt antifaschistischer Selbsthilfe im nächsten Bahnhof aus dem Zug zu schmeißen" :)

  2. Anonymous
    27/10/2009 at 04:45 Permalink

    Du bist ein wahrer Held.

Hi Stranger, leave a comment:

ALLOWED XHTML TAGS:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Subscribe to Comments