Ich habe sehr lange an diesem Buch gesessen. Mehrere Monate bestimmt. Das liegt nicht daran, dass ich so wenig lese. Eher an fehlender Zeit. Aber auch daran, dass ich zu diesem Buch wirklich sehr viele Namen, Geschehnisse und Urteile nachschlagen wollte.
Heinrich Hannover hatte ein sehr bewegtes Leben. Er war Anwalt und als solcher in vielen Prozessen tätig, die politisch geprägt waren. In seinem Buch arbeitet er viele Fälle auf, die ihm für die rechtsgeschichtliche Entwicklung der BRD bedeutsam schienen, u.a. gegen vermeintliche KPD-Mitglieder, RAF-Angehörige und ehemalige DDR-Machthaber. Einige Fälle sind außerhalb des politischen Spektrums, zeigen aber, wie Justiz und Staat funktionieren können.
Dieses Buch sei jedem Studenten empfohlen, der Jura studiert. Sei es, um nachzudenken, sei es um einen Gegenpol zu den staatstreuen, justizgläubigen Vorlesungen zu finden. Denn die wichtige Message des Buches ist für mich: Ja, Justiz ist unabhängiger geworden. Aber leider auch: Ja, Justiz vertritt immer noch bestimmte Interessen und ist somit nicht immer objektiv. Heinrich Hannover beschreibt als eindeutig ideologisch gefärbter Anwalt immer wieder Problematiken (Nichtbeachtung von offensichtlichen Fehlern, Verschleppung von Akten, Fachtricks zur Begründung, problematische Revisionsanweisungen, Überbewertung von Polizeiinformationen … ), die in ihrer Kontinuität auch heute noch auftauchen, in dem Berliner mg-Verfahren zum Beispiel, oder in dem Fall um Alexandra R. – bei letzterem muss man aber sagen: hier hat der Richter die Angeklagte freigesprochen, wohlgemerkt nach Monaten in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde eingelegt. Auch die Forderungen der Politik nach harten Haftstrafen für die Beschuldigten im Zusammenhang mit der Kreuzberger Erster-Mai-Demonstration wurden postwendend umgesetzt.
Hannover zeigt also bestimmte Dinge auf, die man als Jurist nicht unter der rosa Käseglocke des Hochschulstudiums sehen sollte. Und gibt sich dabei demokratischer und prozessorientierter als so mancher RAF-Anwalt. Das macht das Lesen des Buches nicht nur höchstsympathisch, sondern nimmt das ungute Gefühl der Konspiration mit dem Autor – man braucht nicht unbedingt Sozialist zu sein, um zu verstehen, welche Missstände Hannover in der Justiz bis heute sieht. Nur im Fall Modrow scheint er mir ideologisch etwas über die Stränge zu schlagen, ganz im Sinne “Es war nicht alles schlecht in der DDR”.
Dennoch: Ein wichtiges Buch, dass mich weitergebracht hat und mir auch eine wichtige Motivationsstütze für das Studium gegeben hat. Bei allen gruseligen Missständen können die heutigen Jurastudenten sich an einem Prozess der Liberalisierung der Justiz beteiligen. Und das später als Staatsanwälte, Richter, Anwälte, Politiker, Polizeichefs usw. irgendwie in die Gesellschaft einfließen lassen. Das bleibt zumindest zu hoffen.
Heinrich Hannover – Die Republik vor Gericht 1954 –1995
Aufbauverlag, 2005
Preis: 16,90
ISBN: 978-3746670539
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