Lecturio (II)

Das ist schon mein zweiter Artikel über Lecturio. Vor einiger Zeit war auf diesem System für eVorlesungen noch nicht viel juristisches zu finden, wie ich damals festgestellt habe. Inzwischen gibt es aber die Sektion “Lecturio Law”, die ein Online-Repetitorium anbietet.

Mir wurde ein kostenloser Testzugang angeboten, den ich natürlich auch gerne genutzt habe. Ich kann natürlich in meinem Ausbildungsstand nicht viel dazu sagen, inwiefern das Ganze wirklich zur Examensvorbereitung nützt. Aber ich kann natürlich als Verfechter von eLearning und als Jura-Student meinen Senf dazugeben. ;)

Es sind verschiedene Komplettkurse online, u.a. Zivilrecht/BGB und Zivilrecht/Nebengebiete, ich habe mir den Komplettkurs Strafrecht fürs erste Examen vorgenommen.

Vorlesung

Begrüßt werde ich in der ersten Onlinevorlesung (1. Sitzung: Körperverletzung und Tötung Teil 1) durch RA Wolfgang Bohnen, ein vom ersten Eindruck her sympathischer Jurist, der anscheinend auch auf Wikipedia aktiv ist. Dieser führt mich nun durch die Stunde, läuft dabei aber ab und zu aus dem Bild, was schade ist. Das zeigt auch eine andere Problematik: als zahlender Kunde würde mich schon allgemein stören, dass ich sozusagen nur Zuschauer einer normalen Vorlesung/AG bin. Da wird nicht mit mir interagiert, sondern mit den unsichtbaren eigentlichen Besuchern. Das ist bei einer kostenlosen Aufzeichnung sicher kein Problem, aber bei so einer kostenintensiven Sache frage ich mich natürlich: wofür bezahle ich dann? Das ist aber auch eine Gefühlssache. Mich stört es nicht wirklich, viel mehr hat mich ein unvermitteltes lautes Pusten ins Mikro erschreckt. Zurück zur Herr Bohnen: er führt mit herben Witz, manchmal etwas platt und z.T. mit fast diskriminierenden Anmerkungen, und Dominanz durch die Stunde. Das lädt schon manchmal zum Fremdschämen ein, wenn dann asiatische Namen als Lächerlichkeitsobjekt benutzt werden – ist aber ein Problem, das ich auch schon in meinen Veranstaltungen erlebt habe, so mancher Jurist ist politisch weder korrekt noch in irgendeiner Weise sensibel. Sexismus, Alltagsrassismus, … alles solche Sachen, die einem im normalen Jurastudium begegnen. Natürlich trotzdem kritikwürdig. Wie dem auch sei: fachlich scheint alles recht korrekt zu sein, auch wenn sich natürlich, durch den Übersichtsfaktor, den so ein Repetitorium hat, ganz stark auf die h.M. konzentriert wird. Bei manchen Fragen bin ich ein bisschen unsicher, ob das wirklich so stimmt, was da erzählt wird. Die Tür, die sich in ihren Angeln bewegt, als gefährliches Werkzeug einzustufen erscheint mir irgendwie nicht ganz unstrittig. Aber der gute Mann hat langjährige Erfahrung und wird schon wissen, was er erzählt und in dem Vertrauen merk ich mir das einfach mal.

Alles in allem eine lehrreiche Stunde, mit Bauchschmerzen an den oben genannten Stellen.

Technik

Die Videos sind ähnlich YouTube usw. in den Browser eingebettet. Man hat ein kleines und ein großes Videofeld, auf einem läuft die Präsentation, auf dem anderen sind man den Vortrag des Herrn RA Bohnen. Dieses Felder kann man immer wieder austauschen, auch während des laufenden Videos, und so entscheiden, ob man lieber die Präsentationsfolien lesen können will oder den Vortrag in voller Pracht sehen möchte. Die Präsentationsfolien sind im übrigen im kleinen Videofenster unnütz, man kann da gar nichts erkennen. Ton- und Videoqualität sind m.E. in Ordnung. Das Video ist unterteilt in bezeichnete Kapitel, zu denen man wie auf einer normalen Film-DVD einfach per Klick springen kann, was zum punktgenauen Wiederholen sicher sehr sehr nützlich ist. Eine Leiste, die den Fortschritt des Videos angibt, hat außerdem eine Anzeige integriert, die darstellt, wo viele Leute zugeschaltet haben und welche Stellen des Videos weniger gefragt sind. Naturgemäß bündeln sich viele Abrufe am Anfang des Videos, wahrscheinlich von Leuten, die das Gratis-Preview gesehen haben oder einfach mal reinzappen wollten. Dann gibt es noch Funktionen wie “Bewertung” oder auch “Kommentare”, die sicher zu einem späteren Zeitpunkt Mehrwert bieten, aber z.Z. noch gar nicht genutzt sind. Mir stellt sich hier die Frage, ob die Kommentare durch die Referenten oder Fachpersonal überwacht werden und qualifiziert beantwortet werden – das wäre das non-plus-ultra. Man kann außerdem kommentierte Lesezeichen setzen und natürlich auch Tags setzen. Die Folien lassen sich auch Downloaden, in einer Präsentationsform und in Druckform.

Insgesamt ist die Technik sehr ausgereift und bietet viele Möglichkeiten zur Mitwirkung. Verbesserungen sind noch möglich, zu geplanten Features komm ich auch gleich, grundsätzlich gibt es aber ein großes Problem: viele Sachen werden einfach noch nicht genutzt. Und durch die Beschränkung auf kostenpflichtige Zugänge wird das sicher auch dauerhaft ein Problem bleiben, da sich für eine dauerhaften Austausch und produktive Zusammenarbeit einfach genug Nutzer auf der Plattform befinden müssen.

Innovationen

Schön finde ich v.a. die geplante Möglichkeit, die Vorlesungen auch für Mobilgeräte downloadbar zu machen (sicher wäre auch ein Finanzierungsweg, die Vorlesungen über diese iTunes Education Plattform anzubieten). Der Nutzungszeitraum soll auch erhöht werden (aktuell bezahlt man für 12 Monate Zugriff) und die Previews sollen flexibler ausfallen.

Finanzierung

Der von mir ausgewählte strafrechtliche Beispielkurs kostet für 12 Monate im Gesamtpaket 219€.  ….. kein Tippfehler. 219€ für eine große Anzahl von Videos, aber natürlich mit den oben genannten Mankos. Andere Kurse kosten 259€ oder auch nur 99€, immer darauf basierend, wieviele Videos im Paket angeboten werden.  Einzelne Videos werden für unter 10€ angeboten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Leute nur einzelne Themengebiete auf diese Weise anschauen wollen.

Das bringt einen natürlich zum Nachdenken: die Flexibilität, die der große Vorteil dieser Repetitorium-Form ist, wird hier teuer bezahlt. Wenn ich alle Sachen fürs erste Examen nehme, zahle ich deutlich mehr als 500€. Ergänzend kommt sowas gar nicht in Frage, dafür muss man schon echt viel Geld haben. Und wenn man die Zeit hat, wird man doch überlegen, ob man nicht lieber in Präsenzveranstaltungen geht oder gar kostenlos in die universitären Examensvorbereitungen. Und wenn die Unis anfangen, ihre Vorlesungen auch abzufilmen und ins Netz zu stellen (und sei es nur Intranet), dann schwinden die Gründe, dieses Angebot wahrzunehmen. Das halte ich schlussendlich auch für das größte Problem der ganzen Sache: zu wenig Angebot für zu viel Geld. Da sollte meiner Meinung nach ein Umdenken erfolgen, denn ich habe das dumpfe Gefühl, dass es mit diesen Konditionen keinen Erfolg haben wird.

Fazit

An vielen Stellen Sachen die man verbessern muss, aber ich finde es grundsätzlich schön, dass erste ernstzunehmende Angebote im Bereich juristisches eLearning auftauchen. Das ist der große Pluspunkt. Der große Minuspunkt sind die Kosten. Ich kann dem Ganzen noch keine Empfehlung aussprechen, aber ich hoffe, es tut sich da in Zukunft was.

Meine Ideal vom eLearning entspricht Lecturio eh nicht: für mich ist diese Form des Lernens tatsächlich eine Möglichkeit auch Menschen mit einzubeziehen, die aus sozial schwierigeren Verhältnissen kommen, neben dem Studium arbeiten müssen, oder ein Kind erziehen oder vielleicht gar nicht zur Uni gehen können und sich trotzdem fortbilden möchten. All diesen Fällen ist gemein, dass sie meistens nicht auf größere finanzielle Ressourcen zurückgreifen können. Aber bis zum Ideal-Zustand ist es eh noch ein weiter Weg, schön insoweit, dass die ersten Systeme beginnen sich zu etablieren.

Links

Lecturio Law

Rezensionen auch auf Gedankensalat und einleitend auf jurabilis, die später noch eine tiefergehende Rezension nachlegen wollen. [Update #1] Weitere Rezension auch auf Statt Aller.


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4 Comments on "Lecturio (II)"

  1. Martin Schlichte
    09/04/2010 at 16:29 Permalink

    Hallo Hans,

    vielen Dank für deinen Bericht – wir begrüßen konstruktive Kritik! ;)

    Lass' mich kurz darauf eingehen:

    - die Dozenten bekamen über uns bisher fast ausschließlich positives Feedback, aber vielleicht hat deine o.g. Kritik ja Einfluss auf die nächsten Aufnahmen :)

    - ja du hast recht, ein größerer Mehrwert bei den eLearning-Features wird mit mehr Nutzern entstehen. Wir fangen ja gerade erst mit Lecturio-Law an, sicherlich lässt sich auch bei der Usability noch viel schrauben

    - tatsächlich werden die Kommentare von den Dozenten persönlich beantwortet – eine individuelle Betreuung ist also auch dabei

    - ich denke wir müssen den direkten Vergleich mit Präsenz-Repetitorien nicht scheuen: das Preis/Leistungsverhältnis wird derzeit von Vielen sogar als deutlich besser gegenüber Präsenzveranstaltungen empfunden! zB wird es das komplette 1. Staatsexamen für weit unter 1000€ geben und damit ist eine vollständige Vorbereitung inkl. Folien, Lehrbuch und individueller Tutorenbetreuung garantiert, später kommen noch auf die Lektionen abgestimmte digitale Lernkarten dazu. Gekoppelt mit beliebig vielen Wiederholungen zu jeder Zeit an jedem Ort sind die meisten nach ein bis zwei Vorträgen überzeugt ;) .

    Unter http://www.jura-repetitorium.com gibt es übrigens eine Übersicht über alle Komplettkurse.

    Vielen Dank für dein Feedback!

  2. Pascal
    21/07/2010 at 11:31 Permalink

    Testzugang. Mir hat man bloß angeboten, dass ich kostenlos unter jedem Post einen äußert unübersichtlichen Player, als Werbung einbinden kann. tztztz

  3. Hans
    21/07/2010 at 11:36 Permalink

    So ein ähnliches Angebot hatte ich auch bekommen, aber vorerst abgelehnt. Dazu müsste es a) kostenlose Videos geben, die zu meiner Thematik passen (und die dann nicht nach 5min abbrechen) oder b) zumindest eine Werbevergütung. Davon stand aber nix da, insofern glaube ich auch nicht, dass es die geben wird. Nicht, dass ich sie dann zwangläufig nehmen würde – aber das würde für eine interessante Entwicklung sprechen.

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