Wie schnell man auch auf der anderen, rechten Seite in die Mühlen der politischen Justiz geraten kann, ist nichts Unbekanntes. Und es trifft manchmal auch Menschen, die gar nichts mit dem politischen Umfeld zu tun haben zu scheinen.
An einem 20. April soll mein Mandant auf dem Gelände einer Tankstelle Geburtstag gefeiert und zu „Ehren des Geburtstagskindes” zusammen mit einer Gruppe junger kurzhaariger Männer „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ sowie mehrfach „Sieg Heil“ skandiert haben. Als sich die Gruppe von der Tankstelle zu einer Bushaltestelle begab, griff die bereits wartende Polizei zu und nahm alle Anwesenden fest. Mein Mandant beteuerte, nicht dazu zu gehören.
Ihm wurde aber partout unterstellt, dazuzugehören und erst eine (überraschend!) ehrliche Polizeibeamtin und seine beiden Freunde konnten ihn da herausboxen. Satte Leistung. Wenn ich mir überlege: meine Haare sind z.Z. auf 3mm gekürzt, es ist Sommer. Und ich komme nun aus einer GANZ anderen Richtung als die restlichen Angeklagten. Ich glaube, ich wäre nur dabei den Staatsanwalt zuzuschreien. Da würds mit mir durchgehen, mit solchen Leuten auf der Anklagebank zu sitzen und mich wegen diesem Scheiß beschuldigen zu lassen.
Naja, wer sich als Staatsanwalt oder Richter mit politischen Sachen beschäftigt, sollte auf jeden Fall auch einen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in den Szenen haben. Dass Neonazis Bomberjacken tragen und Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln ist auch etwas länger her. Ab 2000 herum hat sich die Szene aufgefächert, die sogenannten “Autonomen Nationalisten” kopieren fleißig den Stil der Antifa, die Kameradschaften ziehen sich ins “normalere” Aussehen zurück, das Rockerumfeld hat eh desöfteren lange Haare, genauso wie die Nazi-Black-Metaller (Anhänger einer Musikrichtung namens NSBM), die Neofolker und ein paar der jungen Intellektuellen und Burschenschaftler sehen aus wie frisch aus der Hitlerjugend und und und – kurze Haare alleine sind kein Indiz, sind es seit Jahren schon nicht mehr (und wenn man sich mit der Skinheadbewegung auskennt: waren es von Anfang an nicht!). Da muss mehr sein, einen Bezug könnte man mit Szenekleidung herstellen (Thor Steinar z.B. [pdf]) oder natürlich mit eindeutigen Tattoos – und selbst da muss man vorsichtig sein.
Aber es reicht natürlich auch, sich einen Tatindiz zusammenzubasteln und einfach zu probieren alle beteiligten Beamten auf diese Version gleichzuschalten. Gut, dass es nicht geklappt hat.
21/07/2010 at 18:02 Permalink
Was ich immer sage… http://www.du-sollst-skinheads-nicht-mit-nazis-verwechseln.de Wenn selbst der Berliner Polizeipräsident seinen Beamten das tragen von Fred Perry, Ben Sherman und Londsdale verbietet, weil er zuviel in schlecht recherchierten Verfassungsschutzberichten geblättert hat, wundert einen gar nichts mehr
21/07/2010 at 18:17 Permalink
Ach ja, diese Website
Nicht gerade des beste Beispiel um für die Skindheadbewegung zu sprechen, Zeilen wie “Selbstverständlich darf man etwas gegen Ausländer haben – nur nicht per se bitte schön.” rufen bei mir doch einigen Unwillen hervor. Da geh ich doch lieber mit den SHARPs mit! …
Am liebenswürdigsten find ich allerdings die Jesus Skins:http://www.jesusskins.de/ – wer die mal in eine Gerichtsverhandlung holt um für die Skinheadsszene zu sprechen, ist mein Held
Was die Berliner Polizei angeht: irgendwie sind die da auch nicht so auf dem neusten Stand. Vor einem Jahr oder so gabs einen Vorfall, dass ein Zivilbeamter bei einer jüdischen Mahnwache mit Thor Steinar-Klamotten rumstand. Aber Hauptsache die Labels, die nur von Nazis missbraucht wurden, werden eingesackt.
21/07/2010 at 21:23 Permalink
Es hat auch niemand gesagt, dass Skins Waisenknaben wären – bis auf die Jesus Skins (danke, dass Sie meinen Bildungshorizont erweitert haben), die politischen Meinungen (soweit überhaupt vorhanden) sind da schon etwas differenzierter. Es ging nur um das in einen Topf werfen mit Nazis. By the way, gibt es Sharp überhaupt noch? In den 90ern waren die in und um Berlin ja mal sehr aktiv, aber gesehen habe ich schon lange keine mehr.
Die Kleiderordnung des Polpräs ist auf diesen Vorfall zurückzuführen, wobei ich es schon nachvollziehen kann, dass man TS bei seinen Beamten nicht sehen möchte, weder im Dienst, noch in der Freizeit.
Das mit den Jesus Skins und der Gerichtsverhandlung merke ich mal vor.
22/07/2010 at 08:34 Permalink
Hmm, ich glaube SHARP ist in Berlin kaum noch aktiv, eher RASH (Red & Anarchist Skinheads) und die Red Skins, die sich unter “Siempre Antifascista” zusammengefunden haben und gerade im Nord-Osten sehr aktiv zu sein scheinen.