Gesellschaftliche Vorstellungen von Polizeigewalt im TV

Eigentlich bin ich ja kein Krimi-Fan, ich schau weder regelmäßig Tatort noch andere Formate. Ausnahme war gerade die recht gute Arte-Produktion “Im Angesicht des Verbrechens”, ich habe die erste Staffel in den letzten 3-4 Tagen geschaut – die Handlung ist kurz erklärt: Zwei Berliner Ermittler schnuppern ins LKA-Leben rein und beschäftigen sich mit der organisierten Kriminalität im deutsch-russischen Bereich.

Was mir dabei aufgefallen ist, ist die konstante Verharmlosung von Polizeigewalt. Die Serie unterscheidet m.E. in drei moralische Stufen: die erste Stufe ist das moralisch verwerfliche Verhalten von Beamten – darunter zählt vor allem die Zusammenarbeit mit Verbrechern, kurz: “korrupte Bullen”. Hier wird in den Folgen dargestellt, welche Konsequenzen das hat: interne Ächtung, Ermittlungen etc. – was die Gemeinschaft der Ermittler bedroht, wird plattgemacht. Eindeutig negativ bewertet. Dann gibt es die Stufe der moralischen Neutralität, in der keine Gefallen oder Missfallen im Zuschauer hervorgerufen wird. Das äußert sich z.B. in kleinen Szenen, wo während einer Verfolgung eines Verdächtigen selbiger am Arm gepackt wird und infolge dessen mit dem Gesicht in einer Glasscheibe landet – Kommentar des Beamten: “Wir können beide bezeugen, dass du dich selbst verletzt hast”. Und dann gibt es die dritte Stufe – die moralisch akzeptable Gewaltanwendung. Einer der Hauptprotagonisten hat durch einen Kriminellen seinen Bruder verloren. Im Showdown trifft er auf den Täter, der in einem Kanalloch am Rand hängt und durch ein Herunterfallen wohl getötet werden würde. Nachdem der Beamte die Situation sichert, fesselt er mit Handschellen eine Hand des Hängenden an einer Eisenreling und unterhält sich eine Weile mit ihm, wobei der Hängende den Halt verliert und für einige Zeit nur noch am Handgelenk an diese Reling gekettet hängt. Man sieht die Schmerzen, die dieser Zustand bereitet, das ganze ist ganz klar eine Misshandlung – er hätte ihn da sofort rausholen müssen und sichern. Stattdessen erzählt er noch ganz stolz, dass er sich entschieden hätte und als Polizist handeln müsste – die Serie impliziert: “Er soll froh sein, dass ich ihn nicht erschossen habe.”

Wenn das in diversen Krimiproduktionen ähnlich ist, dann kann man sich denken, was der gemeine Bürger für ein Bild von Zulässigkeit von Polizeigewalt hat. Formate wie Tatort sind die quotenträchtigsten Serien im deutschen Fernsehen. Wenn auf allen Ebenen, gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern so eine Beeinflussung und Relativierung stattfindet, dann ist auch ganz klar, warum die (gefühlte?) Mehrheit der Bürger sich komplett mit illegalen Grenzüberschreitungen im Dienst arrangieren kann.


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One Comment on "Gesellschaftliche Vorstellungen von Polizeigewalt im TV"

  1. TvSeher
    13/11/2010 at 18:50 Permalink

    Da sollte man sich mal Alarm für Cobra 11 anschauen, da werden nur um einen Autofahrer zu erwischen regelmäßig andere Verkehrsteilnehmer gefährdet und munter drauf los geschossen.
    Auch ein Highlight, wenn´s um Beschuldigtenrechte geht ist K11. Dort dürfen die Polizisten fast alles ( und das ohne Richter ).

    Im öffentlich-rechtlichen geht´s daher noch recht harmlos zu, gegen das was im Privatfernsehen gezeigt wird.

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