Militanzdebatte der Netzaktivisten

Ich finds ja echt interessant, dass inzwischen eine Militanzdebatte das Netz erreicht hat. Zur Erinnerung/Erklärung: die “Militanzdebatte” findet eigentlich im autonomen Kreisen statt und dreht sich um die Frage, wieviel militante Aktionen eine politische Bewegung braucht bzw. aktzeptieren kann.

Auf Netzpolitik erschien jetzt ein Artikel (mit dem unsäglichen Titel “Seit 5:45h wird zurückgeDDoSt?” – soll das lustig sein?), der sich genau mit der Fragestellung im Rahmen der Support-Wikileaks-Angriffe auf MasterCard usw. beschäftigt.

Momentan steht MasterCard unter Beschuss, gestern war Postfinance dran – und irgendwo sitzen ein paar picklige Teenager und halten sich für die rechte Hand Julian Assanges. Sie merken nicht, wie sehr sie Wikileaks und generell der “guten Sache” damit schaden.

Abgesehen von dem Quatsch mit den pickligen Teenagern: hier schadet keiner der “guten Sache”. Im Gegenteil, mit solchen Sachen wird Unternehmen und Regierungen erst bewusst, was sie für Protest heraufbeschworen haben. Hier wird viel finanzieller Schaden angerichtet – das ist in der Marktwirtschaft, die ja sonst bekanntlich über Leichen geht, der höchste Wert den man angreifen kann.

Das ist dann auch der Unterschied zwischen DDoS und Steinewerfen: mit DDoS-Attacken stört man Infrastruktur, die Geld wert ist. Aber eben auch nicht mehr. Mit geworfenen Steinen kann andere verletzten, eventuell sogar gezielt. Die Gleichsetzung hinkt total.

Immerhin war Netzpolitik so fair und hat einen sehr guten, fundierten Artikel von Metronaut reposted. Darin heißt es am Ende:

Wer also auf picklige Teenager schimpft, die sich mit ihren Mitteln am Protest für Informationsfreiheit beteiligen, der verschiebt den Rahmen der Handlungsmöglichkeiten und die Definition, was digitaler Protest sein darf. Gerade, dass Netzpolitik in diese Kerbe schlägt ist hier wenig förderlich. Es sollte in diesen Zeiten eher das Ziel sein, die Grenze des digitalen zivilen Ungehorsams zu Gunsten der netzpolitischen Bewegung zu verschieben. Gute Erfahrungen in dieser Richtung hat die Anti-Atom-Bewegung gerade gemacht. Hier wurde das “Schottern” zur in weiten Kreisen als legitimes Mittel angesehene Aktionsform verschoben. Das ist die richtige Stoßrichtung – und nicht eine “digitale Gewaltdebatte”, die nur zur Spaltung beiträgt.

Word!

Weitere Infos:

Indymedia-Artikel zum Frontverlauf im Cyberwar
VICE-Erklärung, was Anonymous sind

UPDATE: Ähnlicher Artikel von Korrupt, der es auf den Punkt bringt.

Alles “friedlichere” ist nette Symbolik. Ein wenig wie die “freiwilligen Selbstverpflichtungen”, die in den vergangenen Jahren alle unsere Probleme so zuverlässig gelöst haben. Ich hab nichts gegen nette Symbolik, auch die kann helfen und informieren. Aber alleine bewegt sie wenig, und wie gesagt, Protest und Aktion muss mit dem Ziel stattfinden, dass sich etwas verändert. Mittel, die das nicht gewährleisten, sind ineffizient, entsprechend ausgerichteter “Protest” soinnfrei und allenfalls Gewissensberuhigung. “Wir sind mal dagegen, hoffen, dass das viele bemerken und dass es aber niemand stört.” Sorry, klingt lieb und Unterschichtenfernsehen-publikumskompatibel, ist aber aber fürn Arsch. Das kenn ich noch vom Studiprotest ’97 – man ist toll, lieb, kreativ und hat bestens begründete Standpunkte und Argumente. Alle findens gut und richtig, jeder ist für einen. Was passiert anschließend? Eben.

Es muss wehtun, es muss insbesondere Geld kosten. Um da ein wenig den Luhmann zu bemühen: *anders* wird der Protest im Wirtschaftssystem gar nicht wahrgenommen. Insofern ist ein DDoS auf Mastercard in meinen Augen notwendig, um überhaupt eine Wahrnehmbarkeit im Zielsystem zu gewährleisten. Denn mal ganz platt gefragt: was soll ein Protest, den der Adressat nicht bemerkt?

Sag ich doch! … Übrigens interessant, dass die Netzpolitik-Autoren sich in den selben bürgerlich-querulantischen Mist retten wollen, den es schon in den Diskussionen um diverse zivilgesellschaftliche Proteste gab. Kleines Beispiel aus einem Kommentar von Markus?

Ich stelle mir ja in Verbindung mit DDos-Attacken noch einige Fragen, die mir noch keiner zufriedenstellend beantworten kann. Eine ist z.B.: Was ist z.B. mit Nazis, die mit einer ähnlichen Argumentation, wie Du Sie oben nutzt gegen Websites von jüdische Unternehmen / Organisationen mit DDos-Attacken vorgehen. Ist das auch eine legitime Protestform, die Du dann in Ordnung findest?

Die Relativierung stinkt zum Himmel. Ja, ich finde die Protestform dann immer noch in Ordnung. Und ja, ich finde die Nazis dann immer noch scheiße und finde, dass man sich gegen sie wehren muss, um solche Aktionen von ihrer Seite zu verhindern. Argh.


Trackback URL

, ,

6 Comments on "Militanzdebatte der Netzaktivisten"

  1. Militanzdebatte? Quark!
    08/12/2010 at 17:57 Permalink

    Wenn DDoS das Ende der Fahnenstange digitaler Militanz sein soll, dann gute Nacht.

    Soll demnächst der viel beschworene InfoWar mit ewigen Netzüberlastungen und deren Kollateralschäden geführt werden? Ist DDoS das einzige, was “wir” draufhaben? Das wär ja ganz schön billig.

    Mir scheint, du hast den ersten Artikel bei Netzpolitik nicht gecheckt. Der Autor hat ihn übrigens in den Kommentaren nochmal erläutert.

  2. David
    08/12/2010 at 21:01 Permalink

    Ich finde der vergleich DDoS= Steine werfen hinkt eh total. Viel besser passt da als Vergleich im RL die Sitzblockade.

  3. Pascal
    08/12/2010 at 21:56 Permalink

    Ich bin da jetzt nicht so ganz informiert. Für mein Verständnis: Geht es bei DDoS-Angriffen darum, dass eine Website durch einen Hack o.Ä. enorme Zugriffe verzeichnet und folglich diese dann für einen gewissen Zeitraum nicht mehr erreichbar ist? Ist das so richtig? Also juristisch gesprochen dreht und wendet es sich um § 303a StGB durch Unterdrückung?

  4. Hans
    09/12/2010 at 10:07 Permalink

    Juristisch gesehen dreht es sich um amerikanisches und schweizerisches Recht. ;-)

    Aber ja, in deutschem Recht wäre es wohl ein Unterdrücken. MüKo sagt: “Werden Daten dem Zugriff des Verfügungs- oder Nutzungsberechtigten und damit seiner Verwendung auf Dauer oder auch nur vorübergehend entzogen, liegt Unterdrücken vor. Physisch werden die Daten durch das Unterdrücken nicht beeinträchtigt.”

    Würde hier wohl passen.

  5. Korrupt
    09/12/2010 at 10:24 Permalink

    “Ewige Netzüberlastungen” und “Kollateralschäden”? Sorry, aber von den “Netzdiskutierern” hatte ich mir ein wenig mehr Sachverstand gewünscht, Nebelwerfen der Art kenn ich ansonsten von der Netzausdrucker-Fraktion. Wenn Paypal oder mastercard plattgemacht wird, ist das dem rest des netzes herzlich egal, betroffen sind die attackierten Seite. Ja, *und* deren (Online)-Kundschaft, und eben letzteres ist ja auch *der Sinn des Ganzen*. Wenn PP zugeballert wird, dann kann der Rest der Welt noch immer SpOn und Bild lesen. Er kann vielleicht (bzw. hoffentlich) nicht mehr mit PP zahlen. Und genau darum gehts: zielgerichtet da draufhauen, wo es wehtut. informationsinfrastruktur wird ungeachtet dessen weiter funktionieren. Jeden Tag wird geDDoSt, man kriegts nur nicht mit, weil man auf den Zielen nicht unterwegs ist.

Trackbacks

  1. [...] Militanzdebatte der Netzaktivisten Dieser Beitrag wurde unter Netzneutralität, Netzpolitik, Zensur abgelegt und mit Cyberkrieg, dDoS, DNS-Sperren, ...

Hi Stranger, leave a comment:

ALLOWED XHTML TAGS:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Subscribe to Comments